Kein Profilbild ist besser als ein schlechtes. Die Psychologie dahinter:

Du wurdest empfohlen. Deine potenzielle Kundin hat Deinen Namen gehört, öffnet LinkedIn und tippt ihn ein. Noch bevor sie die erste Zeile Deines Profils gelesen hat, hat sie Dein Foto gesehen. Und da ist es schon passiert: Ein Urteil ist gefallen. Unbewusst, in Sekundenbruchteilen, und ziemlich hartnäckig. Die einzige Frage ist, ob dieses Urteil gerade für Dich arbeitet oder gegen Dich.

Genau darum geht es in diesem Artikel. Und um eine These, die aus dem Mund eines Headshot-Fotografen vielleicht überrascht: Wenn Dein Profilbild schlecht ist, fährst Du ohne Bild besser.

Der erste Eindruck fällt schneller, als Du klicken kannst

Wie schnell so ein Urteil entsteht, haben die Psychologen Janine Willis und Alexander Todorov 2006 untersucht [1]. Sie zeigten Versuchspersonen Gesichter für nur 100 Millisekunden. Das ist ein Zehntel einer Sekunde, ein Wimpernschlag dauert länger. Trotzdem reichte diese Zeit, um Urteile über Vertrauenswürdigkeit, Kompetenz und Sympathie zu fällen. Und diese Blitzurteile stimmten weitgehend mit den Urteilen von Menschen überein, die sich so viel Zeit lassen durften, wie sie wollten. Mehr Zeit änderte am Urteil kaum noch etwas, sie machte die Versuchspersonen vor allem sicherer in dem, was sie längst entschieden hatten.

Übertragen auf Dein Profil heißt das: Dein Betrachter bildet sich sein Urteil über Dich beim ersten Blick auf Dein Foto, lange bevor er Deine Vita liest. Alles, was danach kommt, wird durch diese Brille gelesen.


Halo- und Horn-Effekt kurz erklärt

Halo-Effekt: Eine bekannte, positiv wahrgenommene Eigenschaft einer Person überstrahlt wie ein Heiligenschein (englisch "halo") alle anderen. Wer jemanden als sympathisch oder attraktiv wahrnimmt, hält ihn ohne weitere Informationen auch für kompetenter und vertrauenswürdiger. Erstmals beschrieben wurde der Effekt 1920 vom Psychologen Edward Thorndike [2]. Ihm war bei Beurteilungen von Offizieren der US-Armee aufgefallen, dass einzelne positive Merkmale die Bewertung aller übrigen Eigenschaften nach oben zogen.

Horn-Effekt: Das negative Gegenstück, benannt nach den Teufelshörnern. Eine einzelne negativ wahrgenommene Eigenschaft färbt auf alle anderen ab. Ein unvorteilhafter erster Eindruck führt dazu, dass auch Fähigkeiten schlechter eingeschätzt werden, die damit gar nichts zu tun haben.

Vorschusslorbeeren: Wie der Halo-Effekt für Dich arbeitet

Wie stark dieser Mechanismus wirkt, zeigt ein Experiment von Richard Nisbett und Timothy Wilson aus dem Jahr 1977 [3]. Studierende sahen ein Video desselben Dozenten. Die eine Gruppe erlebte ihn warm und freundlich, die andere kalt und distanziert. Anschließend bewerteten beide Gruppen sein Aussehen, seine Gestik und seinen Akzent. Dieselbe Person, dieselben Merkmale. Die Gruppe mit dem warmen Dozenten fand all das anziehend, die andere Gruppe fand genau dieselben Merkmale irritierend. Das Spannendste daran: Die Teilnehmer waren überzeugt, ihre Urteile völlig unabhängig voneinander gefällt zu haben.

Genau so funktioniert Dein Profilbild. Ein Foto, das Dich offen und zugewandt zeigt, steckt Dich in die Schublade "kompetent und vertrauenswürdig". Und aus dieser Schublade heraus bekommst Du Vorschusslorbeeren für Dinge, die Dein Gegenüber noch gar nicht kennt: die Qualität Deiner Arbeit, Deine Zuverlässigkeit, Deine Professionalität. Du startest jedes Erstgespräch mit Rückenwind.

Der Horn-Effekt: Wenn Dein Bild gegen Dich arbeitet

Dummerweise funktioniert das Ganze auch andersherum, und zwar genauso zuverlässig. Wirkt Dein Bild arrogant, unnahbar oder unbeholfen, landest Du in einer anderen Schublade. Und jetzt überträgt sich das Negative: Wer auf dem Foto überheblich wirkt, dem wird eher zugetraut, auch in der Zusammenarbeit schwierig zu sein. Wer unbeholfen wirkt, dem wird weniger Kompetenz zugeschrieben. Das ist unfair, denn ein Foto ist ein einzelner eingefrorener Moment. Aber der Horn-Effekt fragt nicht nach Fairness.

Das Tückische daran: Du selbst siehst es oft nicht. Du kennst Dich, Du weißt, dass Du weder arrogant noch inkompetent bist. Dein Betrachter weiß das nicht. Er hat nur das Bild.

Kein Bild heißt: Der Eindruck bleibt offen

Und damit sind wir bei der These aus der Überschrift. Ohne Profilbild verzichtest Du auf die Chance des Halo-Effekts, das stimmt. Aber Du vermeidest sicher das Risiko des Horn-Effekts. Dein erster Eindruck entsteht dann aus dem, was Du gut steuern kannst: Deinen Texten, Deinen Inhalten, Deinem Auftritt, Deinen Empfehlungen. Der Eindruck bleibt offen. Und offen ist allemal besser als verbaut.

Denn ein erster Eindruck lässt sich zwar korrigieren, aber das ist mühsam. Wer erst einmal in der falschen Schublade liegt, muss gegen die Brille anarbeiten, durch die ab jetzt alles gelesen wird. Diese Arbeit sparst Du Dir, wenn Du den Eindruck gar nicht erst entstehen lässt.

Damit das nicht falsch ankommt: Der Zustand ohne Bild ist keine Dauerlösung. Ein Profil ohne Gesicht bleibt anonymer, als es für echtes Vertrauen gut ist. Die Reihenfolge ist entscheidend. Ein herausragend gutes Bild schlägt kein Bild. Und kein Bild schlägt ein schlechtes.

Was "schlecht" eigentlich bedeutet

Hier liegt das größte Missverständnis, darum lohnt ein genauer Blick. Schlecht heißt in diesem Zusammenhang fast nie technisch schlecht. Schärfe, Licht, Auflösung: Das lässt sich lösen, und über einiges davon lässt sich trefflich streiten, weil es am Ende Geschmacksfragen sind (z.B. was für ein Lichtsetup man präferiert).

Die Wirkungsfrage hingegen kennt keine Geschmacksdebatte. Sie lautet schlicht: Auf wen willst Du wie wirken? Ein technisch tadelloses Bild, auf dem Du angestrengt, distanziert oder aufgesetzt wirkst, ist ein schlechtes Profilbild. Dein Betrachter sieht kein Kameramodell und kein Lichtsetup. Er sieht ein Gesicht und beantwortet unbewusst eine einzige Frage: Würde ich dieser Person vertrauen?

Genau deshalb kombiniere ich Fotografie mit Mimikresonanz. Kamera und Licht sind die Pflicht. Die Kür ist der Ausdruck, also das, was Dein Gesicht im Moment der Aufnahme tatsächlich ausstrahlt. Daran arbeiten wir im Shooting gezielt, bis das Bild die Wirkung transportiert, die zu Dir und Deiner Zielgruppe passt. Das ist der Teil, den keine trockene Technik der Welt ersetzen kann.

Fazit: Lass die Schublade lieber offen

Ein schlechtes Profilbild kostet Dich mehr, als es Dir bringt, weil der Horn-Effekt aus einem unglücklichen Foto ein Pauschalurteil macht. Kein Bild lässt Deinen ersten Eindruck offen, und das ist die deutlich bessere Ausgangslage. Die beste Lösung bleibt trotzdem ein Bild, das den Halo-Effekt für Dich einspannt: eines, das Vertrauen und Kompetenz ausstrahlt, bevor Du ein einziges Wort gesagt hast.

Wenn Du den Verdacht hast, dass Dein aktuelles Bild eher Hörner als Heiligenschein produziert, lass uns sprechen. Melde Dich einfach bei mir, dann schauen wir gemeinsam, wie Du den Halo-Effekt für Dich einsetzt. Ich freu mich auf Dich! :-)

Quellen

  1. Willis, J. & Todorov, A. (2006): First Impressions. Making Up Your Mind After a 100-Ms Exposure to a Face. Psychological Science, 17, 592-598.

  2. Thorndike, E. L. (1920): A Constant Error in Psychological Ratings. Journal of Applied Psychology, 4(1), 25-29.

  3. Nisbett, R. E. & Wilson, T. D. (1977): The Halo Effect. Evidence for Unconscious Alteration of Judgments. Journal of Personality and Social Psychology, 35(4), 250-256.

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